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Warum es Mädchen*MedienArbeit braucht

Ein Artikel von Fleur Vogel

Wer ist eigentlich NORMA?

Was ist eigentlich ein Mädchen*/eine Frau*? Oder noch besser gefragt, was und wie soll ein Mädchen* sein? Oh je, denkt Ihr: Da fängt die Autorin jetzt echt bei Eva an um dann irgendwann bei DaggyBee, Billie Eilish & Co zu landen… Gähn! Sorry Leute, aber da müsst Ihr durch. Die Frage ist nämlich gar nicht so leicht zu beantworten.

Ganz früh in unserer Sozialisierung taucht sie schon auf: NORMA.

NORMA ist heterosexuell, weiß*, nicht zu groß, nicht zu klein, schlank und sportlich aber nicht zu muskulös, hat „Rundungen an den richtigen Stellen“ und perfekte Haut. Sie ist intelligent aber nicht besserwisserisch, beliebt aber nicht zu angepasst, sie lacht gerne, ist aber selbst überhaupt nicht funny. Diese und viele weitere Widersprüche bringt dieses Video mit Cynthia Nixon auf den Punkt, das Anfang 2020 viral ging (Bitte unbedingt anschauen):

Natürlich kann man an dieser Collage kritisieren, dass hier in erster Linie Frauen* abgebildet werden, die ebendiesen Normen entsprechen, womit die angeprangerten Stereotype reproduziert werden. Aber irgendwann wird Frau bewusst:

NORMA ist überall und sie hat Macht über uns.

Jedes Mädchen*/jede Frau* ist in ihrem Leben schonmal NORMA begegnet. Sie ist immer da, wenn Du in den Spiegel schaust, in der Sportumkleide, beim Bummel durch die Stadt, in der Schule und im Verein. Aus Kinderbüchern, Filmen, Serien und Instagram-Bildern lächelt sie Dich an. Oft gibt sie ungefragt „gut gemeinte Ratschläge“ und will „nur Dein Bestes“.

Die Auswirkungen von NORMA

Die Frage woher NORMA kommt, wer sie erschaffen hat und aus welchen Gründen sie auch im 21. Jahrhundert noch nicht in Rente gehen wird, kann im Rahmen dieses Blogbeitrags nicht beantwortet werden.

Eines aber ist klar: NORMA hat Auswirkungen auf das Selbstbild und die Entwicklung eines jeden Mädchens* und einer jeder jungen Frau*. Der enorme Erwartungsdruck von außen und das innere Bedürfnis dazuzugehören, führen dazu, dass sie versuchen, sich anzupassen und das geht immer auch auf Kosten der Selbstakzeptanz und der eigenen Potentialentfaltung. Hinzu kommt: NORMA ist nicht normal! Sie ist ein absolut gesetztes und fremddefiniertes IDEAL.

NORMA führt also zwangsläufig zu einem Selbstbild, nicht zu genügen. Und auch andere Mädchen* und (junge) Frauen* werden mit ihr verglichen und  dahingehend bewertet, wie nah sie an NORMA herankommen.

Angebote in der Jugendarbeit

Die Frage lautet also: Wie können wir Mädchen* und junge Frauen* im Rahmen von medien- und kulturpädagogischen Angeboten dabei unterstützen,

  • sich aus NORMAs Zugriff zu befreien,
  • sich kritisch mit Medieninhalten auseinanderzusetzen, die ein stereotypes Frauen*bild propagieren,
  • das eigene Medienhandeln zu reflektieren und dadurch eine (positive) Haltung sich und anderen Mädchen* und (jungen) Frauen* gegenüber zu entwickeln

Dies bildet die Grundlage (nicht nur) für die selbstbestimmte Teilhabe an einer von Digitalisierung geprägten Gesellschaft, sondern auch für mehr Selbstannahme und ein glücklicheres Leben.

Soweit so theoretisch! Aber wie sieht gute Mädchen*MedienArbeit eigentlich aus?

Die eigene Haltung reflektieren

Haltung ist ein super Stichwort! Denn auch wir, als pädagogische Fachkräfte, wurden nicht im luftleeren Raum sozialisiert und geben bewusst und unbewusst die von uns verinnerlichten Normvorstellungen und Vorurteile weiter. Noch vor der Planung eines Projekts mit Mädchen* und jungen Frauen* ist es wichtig, die eigene Haltung selbstkritisch zu reflektieren. Die Alltäglichkeit und Normalität von Sexismen (insbesondere auch in Verbindung mit einem zugeschriebenen Migrations- und/oder Bildungshintergrund) abseits offenkundiger Beleidigungen und gewaltsamer Übergriffe bleibt in der Mehrheitsgesellschaft meist unsichtbar. Wo verorte ich mich in diesem gesellschaftlichen System? Befinde ich mich in einer privilegierten Position oder bin ich selbst betroffen?

Sich mit den Lebenswelten von Mädchen* und jungen Frauen* auseinandersetzen

In einer von Digitalisierung geprägten Welt mit uneingeschränktem Zugang zu Medieninhalten aufzuwachsen, ist vor allem eins: anstrengend und unübersichtlich. Das mediale Handeln von Mädchen* und jungen Frauen* wird von kommerziellen Interessen, Konzernen und Plattformen sowie den Gesetzmäßigkeiten der Aufmerksamkeitsökonomie beeinflusst. Hinzu kommt, dass der Schutz- und Experimentierraum „Kindheit“/“Jugend“, wie ihn vergangene Generationen kennen, so nicht mehr existiert.

Frei nach dem Motto „Ich poste, also bin ich.“ werden Fragen wie „Wer bin ich? Wie sehen mich andere?“ in der digitalen Öffentlichkeit verhandelt. Diese Realität bietet sowohl neue Möglichkeiten der Persönlichkeitsentfaltung und des Selbstausdrucks, sind zugleich aber auch von diversen Risiken begleitet: Cybermobbing/-grooming, sexuelle Belästigung, Nötigung, pornografische Inhalte anzuschauen bzw. hochzuladen und zu teilen, Verletzung von Persönlichkeitsrechten und Erpressung. Um nur einige zu nennen.

Die Büchse der Pandora lässt sich nicht wieder schließen. Die offenen Räume der Jugendhilfe zu „handyfreien Zonen“ zu erklären, ist jedenfalls keine Lösung. In diesem Spannungsfeld aufzuwachsen, bedeutet für Mädchen* und junge Frauen*,

  • sich in der Schule, Familie und im eigenen Wohnumfeld zurechtzufinden,
  • sich erproben und unter Beweis stellen zu müssen,
  • sich zu reiben und zu behaupten,
  • Konfrontationen und Missverständnisse zu erleben,
  • Loyalitätsansprüche zu managen,
  • Diskriminierung zu erfahren (und als solche erkennen zu lernen),
  • aber auch Neues entdecken, Erfolgserlebnisse feiern und Freiräume genießen,

und das in jeder Beziehung und manchmal kreuz und quer.

Im besten Fall können Einrichtungen und Fachkräfte der Jugendhilfe verlässliche Partner*innen und Vertrauenspersonen sein und Mädchen* und junge Frauen* bei ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung und beim Finden ihres Weges unterstützen. Hierfür braucht es auch zeitgemäße medienpädagogische Angebote, die auf die Interessen, Wünsche und Bedürfnisse von Mädchen* und jungen Frauen* eingehen. Und vielleicht kommt Frau zu dem Schluss: NORMA kann mich mal!

Beispiel aus der Praxis

Ich kann in meiner Kunst verschwinden [https://lag-km.de/projekte/details/ich-kann-in-meiner-kunst-verschwinden-209] – ausgezeichnet mit dem Dieter Baacke Preis 2019 [https://dieter-baacke-preis.de/ich-kann-in-meiner-kunst-verschwinden/]

Wie viele kunstschaffende Frauen* fallen dir spontan ein? Öh…

In Kunstunterricht, Museen, Galerien und in der öffentlichen Wahrnehmung sind Frauen* immer noch unterrepräsentiert und weniger bekannt als ihre männlichen* Kollegen.

Sich in die Werke und Techniken von internationalen Künstlerinnen zu vertiefen und vor allem selber künstlerisch fotografisch tätig zu werden, war das grundlegende Ziel des Projekts. Hierbei wurden gezielt Frauen* und ihre Kunstwerke, Arbeitsweisen und Lebensentwürfe vorgestellt, um den Mädchen* Anregungen zu geben für die eigenen ganz persönlichen selbstbestimmten Lebensentwürfe. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung spielten Teambuilding, das Recht am eigenen Bild, Empowerment und Gleichberechtigung zwischen den Mädchen* eine wichtige Rolle. In wöchentlichen Workshops lernten die Mädchen mit und ohne Fluchterfahrung internationale Künstlerinnen kennen, die sich u.a. mit Fotografie beschäftigt haben. Die Werke und das Leben von Aino Kannisto, Sibylle Bergemann und Hanna Höch wurden hierbei unter die Lupe genommen. Jeder Workshoptag bestand aus einem kleinen Theorieteil, anschließend wurden die Mädchen angeregt, im Stil der vorgestellten Künstlerin selbst tätig zu werden. Es entstanden Inszenierungen, Polaroids, Collagen und Fotostories.
Ein Ausstellungsbesuch in der „Galerie m“ in Bochum gehörte ebenfalls zu dem Projekt. Für viele Mädchen war dies der erste Besuch in einem Museum.
Am Ende des Projektes wurde gemeinsam eine Ausstellung kuratiert, die mehrere Wochen in der Stadtbücherei Gladbeck gezeigt wurde. Somit haben die Werke der Mädchen einen sehr wertschätzenden Raum in der Öffentlichkeit erhalten. Dabei waren die Mädchen auch am Prozess der Auswahl, Präsentation und Abfolge die Bilder in der Ausstellung intensiv eingebunden.


Projektdaten
Leitende Referentin: Iris Wolf
Pädagogische Begleitung: Lina Matzoll
Teilnehmer*innenstruktur: 12 Mädchen* zwischen 10 und 13 Jahren
Projektzeitraum: November 2018 bis Februar 2019
Ort: Gladbeck (NRW)
Das Projekt fand statt in Kooperation mit dem Internationalen Mädchenzentrum Gladbeck e.V. statt. Ermöglicht wurde das Projekt durch das Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein Westfalen.

Das Projekt wurde 2019 mit dem bundesweiten Dieter Baacke Preis der GMK ausgezeichnet.
https://dieter-baacke-preis.de/


Weiterführendes Material

Katharina Debus: Und die Mädchen? Modernisierungen von Weiblichkeitsanforderungen: https://jus.dissens.de/fileadmin/JuS/Redaktion/Dokumente/Buch/Debus%20-%20Und%20die%20m%C3%A4dchen.pdf

Folgendes Video der Medien_Weiter_Bildung geht auf die Geschlechterrollen ab der industriellen Revolution ein:


Zur Autorin

Fleur Vogel ist geschäftsführende Bildungsreferentin bei der Landesarbeitsgemeinschaft Kunst und Medien NRW e.V. (LAG KM)

https://lag-km.de/