Allgemein, Jugendsozialarbeit an Schulen, Medien, Mediennutzung, Medienpädagogik, Projekte der Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS)

Medienpädagogische Arbeit in der Jugendsozialarbeit an Schulen

Wie sieht medienpädagogische Praxisarbeit in der Jugendsozialarbeit an Schulen aus? Was braucht es dafür? Und wofür lohnt es sich? Der Diplomsozialpädagoge Volker Witt spricht mit Sina Stecher im Projekttalk und hat seine Erfahrungen, Ideen, Gedanken und Tipps außerdem in einem Artikel für uns festgehalten.

Das Interview zum Hören

Der Artikel zum Lesen

Ein Artikel von Volker Witt

Zunächst einmal bleibt festzuhalten: Die Medienpädagogik an Schulen ist Neuland. Im (angeblichen) Zeitalter der Digitalisierung in Deutschland gibt es immer noch riesige WLAN-Lücken in Schulgebäuden – wenn es überhaupt eines gibt. Wir sehen einen großen Mangel an Endgeräten und PC-Räume die eher den Titel PC-Museen verdient hätten. Und wie sieht es mit den Skills der Benutzer aus? Es gibt immer mehr Fortbildungen, online und in Präsenz, nur müssen diese halt auch besucht werden. Zudem hat Schulpersonal aller Art eher selten eine digitale Entwicklungsgeschichte und kann sich somit nicht zu den Digital Natives zählen.

Wenn dann also, wie bei uns an der staatlichen Berufsschule in Günzburg, zahlreiche Ipads, gutes WLAN und Glasfaserleitung vorhanden sind, dann muss man das alles auch noch benutzen. Wollten Sie das nicht schon immer?

Was fängt nun der*die Jugendsozialarbeiter*in mit seinen*ihren Einzelfallhilfen undProjekten in der digitalen Welt an? Wie erreicht er*sie „seine*ihre“ Schüler*innen in diesen Tagen überhaupt? Mehr dazu hier!

Erreichbarkeit und Zugang zu (JaS-)Schüler*innen mit Medien, die diese selbst nutzen

WhatsApp

Besonders zu Beginn der Pandemie, 2020, war WhatsApp einer der wenigen Kanäle um mit den Schüler*innen überhaupt in Kontakt zu treten. Hierfür musste natürlich erstmal ein Diensthandy her – genauer gesagt ein Smartphone. Mit freundlicher Hilfe von unserem Schulleiter und dem Landratsamt Günzburg klappte das auch recht zügig. Warum eigentlich ein Diensthandy? Das eigene geht doch auch, oder? An dieser Stelle ein ganz klares NEIN!
Dies gleich aus mehreren Gründen:

  1. Die Privatsphäre: Wollen Sie wirklich auch noch nach Feierabend für Schüler*innen und potentielle Notfälle, die die Jugendsozialarbeit so mit sich bringt verfügbar (und verantwortlich) sein?
  2. Datenschutz die erste: Nach US-Recht (das, für den amerikanischen Dienst WhatsApp greift) ist es erlaubt, dass der dortige Geheimdienst und einige mehr Zugriff auf die übertragenen Daten erlangen dürfen. In unserem Fall unwahrscheinlich aber nicht unmöglich.
  3. Datenschutz die zweite: WhatsApp fragt direkt nach der Installation und danach immer wieder sämtliche Kontakte auf einem Smartphone ab. Auf unserem privaten Handy haben aber leider immer noch viele einen bunten Mix aus privaten und geschäftlichen Kontakten. Darunter auch einige die kein WhatsApp nutzen. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass wir von diesen Personen laut DSGVO (=Datenschutz-Grundverordnung) keine Zustimmung haben, deren Telefonnummer einfach so auf einen Server in USA beamen zu lassen! Auch hier gilt wieder: Wo kein Kläger, da kein Richter. Darauf ankommen lassen sollte man es aber nicht.

Die Nutzung eines Diensthandys ist im Fall der Nutzung von digitalen Messaging Diensten also unumgänglich. So auch bei…

Telegram

Telegram wurde zunächst als sehr sicherer Messenger gehypt. Das hat sich jedoch mittlerweile geändert: Querdenker*innen, die rechte Szene und weitere Gruppierungen die man nicht unbedingt auf seinem Smartphone haben will, kursieren heute auf Telegram.

Hinzu kommen nicht ganz unerhebliche Sicherheitsprobleme, wie hier auf Heise online eindrucksvoll belegt.

Über allem steht noch die Tatsache, dass mich bis heute kein einzige*r Schüler*in auf Telegram angeschrieben hat – der Messenger ist bei Jugendlichen (Berufsschüler*innen) schlicht und einfach bedeutungslos.

SMS

Jetzt kommt´s! Die SMS, oder ausgeschrieben Short Message Service wird tatsächlich auch heute noch zeitweilig benutzt, sogar von Schüler*innen. Hat sicherlich etwas mit dem kleinen Trend zum „Retro-Handy-Knochen“ zu tun, weil damit ist nichts anderes möglich als telefonieren, „simsen“ und unscharfe Fotos schießen. Laut der Seite „Wertgarantie“ ist simsen übrigens sicherer als WhatsApp. Warum lesen Sie hier.

Signal

Ist keine Zahncreme, soll aber u. a. laut Edward Snowden sicher sein. Warum genau analysiert giga.de hier. Zudem erfreut sich der Messenger weltweit wachsender Beliebtheit. Auch die Seite nau.ch kommt zu dem Schluss, dass man sich bei Signal auf der sicheren Seite befindet.

Beispiel: Aushang zur Kontaktaufnahme mit Volker Witt in der Schule.
Diesen Aushang finden Schüler*innen an der staatlichen Berufsschule in Günzburg in jedem Klassenzimmer und an diversen Pinnwänden. Der Datenschutzhinweis nervt, ist aber unerlässlich. Die Erreichbarkeitszeiten helfen einerseits, um den Feierabend von der Arbeitszeit abzugrenzen und andererseits, wissen die Schüler*innen, wann sie mit einer Antwort rechnen können.

Threema

Ist ein Schweizer Unternehmen und der Messenger gilt als sehr sicher. Er hat jedoch zwei nicht zu unterschätzende Nachteile: Zum einen wird er kaum unter Schüler*innen und generell selten verwendet, zum anderen kostet er 4 €.

Microsoft Teams

Stellt sich als die Kommunikationslösung in Schulen schlechthin dar und wurde in Lockdownzeiten auch zunehmend und umfassend als solche genutzt.
Tatsächlich handelt es sich um ein sehr umfassendes Programm aus der Microsoft Office Serie. Neben Einzel- und Gruppenchats sind Videosessions, die Speicherung von Dateien aller Art und zu lösende Aufgaben hinterlegen möglich.

Die Lizenzierung wird über die jeweilige Schule vorgenommen und war im ersten Lockdownzeitraum ab März 2019 kostenlos. Die Zustimmung zur Nutzung und Datenverarbeitung wird bei Schüler*innen, Lehrer*innen oder Sozialarbeiter*innen per unterschriebenem Formular, teilweise direkt auf Teams eingeholt.

Einzelfallhilfe war mit diesem Programm eine gewisse Zeit lang sehr gut machbar, seitdem der Unterricht wieder zur Gänze in Präsenz stattfindet scheint mir die Erreichbarkeit der Schüler*innen über diese Plattform jedoch wieder etwas zurück zu gehen.

Diese Aufzählung der möglichen digitalen Zugangswege zu Schüler*innen im Rahmen der Jugendsozialarbeit an Schulen ist und kann nicht vollständig sein, die ein oder andere Anregung sollte aber dabei sein. Achja: Anrufen geht auch noch, auch das ist heutzutage via WLAN-Telefonie oder per Smartphone online möglich.

Nachdem die virtuellen Kontaktmöglichkeiten in der Jugendsozialarbeit geklärt sind, bleibt noch zu erklären, welchen Nutzen ein medienpädagogisches Praxisprojekt für die Arbeit im JaS-Kontext hat und wie es beispielhaft aussehen kann…

„Film ab, Ton läuft: Natur Pur!“

Nach draußen gehen, aktiv werden, voneinander lernen, gemeinsame Erlebnisse haben und miteinander teilen – das stand am Anfang des Projektes „Natur Pur!“ Ziel des Projektes ist es die Jugendlichen zu aktivieren, an die Natur heranzuführen und mit digitalen Methoden und Hardware vertraut zu machen. Dass Filmen viel mehr als einfach nur „die Kamera draufhalten“ ist, lernen und vermitteln wir vor allem dadurch, dass das Rohmaterial in Form von Clips und Bildern immer wieder zusammen gesichtet und bewertet wird.

Was ist ein „K wie KAMERAMANN: und seine geheimen Tricks“? Im Vegas Filmalphabet werden die wichtigsten Themen des Filmens sehr unterhaltsam aufbereitet.

Wie bekommen wir die Daten vom Ipad auf den PC, wie vom Smartphone auf den Rechner? Was ist eine Cloud? Ständig eröffnen sich neue Problemstellungen, die wir zusammen angehen und auflösen. Man muss nicht jeden (technischen) Kniff kennen, sondern kann mit den Schüler*innen gemeinsam etwas erarbeiten.

Wir wollten in unserer Klasse etwas schaffen an das man sich gerne erinnert, auch noch nach Jahren. Um das zu verwirklichen, haben wir eingangs einiges über das Filmen an sich gelernt und thematisiert.

Damit es nicht beim Filmen bleibt – Schüler*innen von Heute filmen ja ständig irgendetwas – habe ich dann nach und nach auch noch andere Tools in das Projekt integriert. Eins davon sind die Learningsnacks.

In diesem selbst erstellten Learningsnack – ein Quiz im Stil eines Messengers – wird Video und Text zur interaktiven Lerneinheit. Die Schüler*innen lernen dabei viel über Kameraeinstellungen im Film.

Die verwendete Software heißt iMovie, entwickelt von Apple. Ich selbst bin kein allzu großer Apple-Fan, muss jedoch zugeben, dass iMovie wirklich gut und relativ einfach zu bedienen ist. Gerade für Einsteiger*innen im Filmgeschäft. In diesem Tutorial könnt ihr lernen wie´s geht. Natürlich gibt es auch brauchbare Software für Android Smartphones und PC, aber das sprengt den Rahmen dieses Blogbeitrags.

Wir sind dann immer wieder raus in die Natur gegangen und haben zusammen Bild- und Tonaufnahmen gemacht. Diese dürfen wir in der Berufsschule und auch im Team der Jugendsozialarbeiter*innen von Pro Arbeit im Landkreis Günzburg präsentieren.

Foto eines herbstlichen Waldes.
Natur Pur! Bild eines Schülers aus der BVJ-N

Empfehlenswert sind neben einer Kamera, oder wie in unserem Fall, einem iPad, ein brauchbares Stativ nebst Halterung für das Tablet. Eine ruhige Kameraführung ist generell zielführend, der*die Zuschauer*in denkt sonst schnell an zu viel Seegang.

Silberreiher in Winterlandschaft. Eingefangen von Michael Moser.
Großes Kino: Der Silberreiher – eingefangen von Michael Moser

Die Jugendlichen haben im Verlauf des Projekts immer mehr Bock aufs Arbeiten bekommen und waren bis zum Schluss motiviert dabei. Das liegt daran, dass uns, Michael und mir, einfach viel am Filmen, Fotografieren und vor allem an den Schüler*innen gelegen ist. Das bekommen die mit und machen in der Folge auch mit. Natürlich gibt es Durchhänger, aber da muss man durch.

Zwischendurch kann da ein kleines Filmchen wie dieses weiterhelfen:

OK, ich bin Fan von Vegas, ich gebe es ja zu.

Ganz viel von ihr gibt es übrigens hier zu sehen.

Ein tolles Kahoot zum Thema „Film“ gibt es hier.

So, und jetzt ran an Kamera, Handy, iPad!


Volker Witt ist Diplomsozialpädagoge, 52 Jahre, mit 23-jähriger Erfahrung in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, sowie Schul- und Jugendsozialarbeit an Mittelschulen, Gymnasium und aktuell Berufsschule. Er liebt Technik, Smartphones und Computer und hat schon zahlreiche Projekte mit Bild und Ton auf die Beine gestellt. Auch PC und Smartphone Kurse mit Erwachsenen und Senioren gehören zu seinem Repertoire.