Gender, Genderpädagogik, Kurs #gender, Medien, Medienpädagogik, Modul 1

Gendersensible Medienarbeit

Die Medienpädagogik ist ein weites Feld, das sowohl in der Praxis wie auch in der Theorie unzählige Möglichkeiten für Projekte, Workshops oder Veranstaltungen bieten kann. Doch wie kann man in dieser bereits vielfältigen Arbeit noch zusätzlich einen Geschlechterfokus legen? Und wie bringt man diese beiden Themenfelder in der Praxis zusammen? Um diese Fragen zu erläutern, gibt der folgende Artikel nach einer kurzen Definition der beiden Arbeitsbereiche einen Überblick über mögliche Vorgehensweisen, Strategien und Themen der gendersensiblen Medienarbeit.


Anmerkung zur Verwendung des Geschlechterbegriffs in diesem Artikel

Für viele der hier vorgestellten Methoden ist in der Beschreibung von nur zwei Geschlechtern (Männer und Frauen, Jungen und Mädchen, männlich und weiblich – jeweils bezogen auf trans und cis Personen, die sich einem dieser Geschlechter zugehörig fühlen) die Rede, also von einem binären Geschlechterverhältnis. Dass Geschlechtsidentitäten sich jedoch nicht in fixe Kategorien einteilen lassen und komplex sind, ist gut erforscht und hat sich über die Menschheitsgeschichte in verschiedensten Kulturen immer wieder manifestiert (vgl. u.a. Richards et al. 2016: 95). Für Projekte mit älteren Jugendlichen und Erwachsenen kann eine theoretische Auseinandersetzung über Geschlechtsidentitäten die Perspektiven erweitern und in der Durchführung der Medienprojekte aufgegriffen werden. Der Fokus auf genderqueere oder nicht-binäre Personen, die nicht (nur) einem bestimmten Geschlecht zugeordnet werden, kann Vorurteile und Unverständnis abbauen, für eine inklusivere Atmosphäre sorgen und gleichzeitig Annahmen über ‚traditionelle‘ Geschlechterverhältnisse grundlegend hinterfragen


Ziele der Geschlechtersensiblen und der Medienpädagogik

Zunächst soll daher geklärt werden, was die Ziele der geschlechtersensiblen Pädagogik sowie der Medienpädagogik sind.

Geschlechtersensible Pädagogik legt den Fokus darauf, der Bildung von geschlechtlichen Vorurteilen und Stereotypen bei Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken (s. dazu auch den Artikel zu Geschlechtergerechtem Arbeiten auf dem Blog), beispielsweise indem Vorannahmen gemeinsam reflektiert werden oder indem Rollen innerhalb der Gruppen bewusst aufgebrochen werden.

In der Medienpädagogik geht es vorrangig darum, die Fähigkeit der Zielgruppe zu fördern, Medien zu verstehen und sie zu bedienen, oder anders gesagt: ihre Medienkompetenz zu vertiefen (vgl. Hüther/Schorb 2005).

Gendersensible Medienarbeit als Schnittstelle zwischen Medienpädagogik und Genderpädagogik hat demnach das Ziel, die Medienkompetenz der Teilnehmenden bei gleichzeitiger ständiger (passiver oder aktiver) Reflexion von Geschlechterstereotypen und -vorstellungen zu fördern. Es geht also darum, ein theoretisches und praktisches Wissen über Medien zu vermitteln und dabei gleichzeitig für geschlechtsbezogene Problematiken zu sensibilisieren.

Strukturelle Projektebene

Diese Sensibilisierung kann dabei auf zwei Ebenen der medienpädagogischen Praxis ansetzen. Die erste Ebene der gendersensiblen Medienarbeit bezieht sich darauf, wie Medienprojekte durchgeführt werden, also auf die Art und Weise der Durchführung, die Dynamik in der Gruppe, die Prozesse der Arbeitsaufteilung. Ziel der gendersensiblen Medienpädagogik auf dieser Ebene ist es, den Adressat*innen theoretisches und praktisches Medienwissen unabhängig von ihrem Geschlecht zu vermitteln. Dazu gehört, dass alle Teilnehmenden gleichermaßen lernen, mit Medien umzugehen, ohne dass dabei geschlechtliche Stereotype zum Tragen kommen. Aufgabe der Pädagog*innen ist hier also auch, das eigene Vorgehen ständig selbst zu reflektieren: Wer bekommt welche Aufgabe, und wieso? Wie kann ich beispielsweise den weiblichen Teilnehmerinnen mehr Raum geben, sich in der Medientechnik auszuprobieren, ohne mich dabei auf alte Rollenbilder zu beziehen? Ermutige ich alle genug, auch geschlechtsuntypische Aufgaben zu übernehmen?

Diese Ermutigung kann beispielsweise durch spezifische Settings erleichtert werden. So können durch die Schaffung sogenannter monoedukativer Räume, also Projektphasen, in denen Mädchen und Jungen getrennt voneinander arbeiten, geschlechtliche Zuschreibungen aktiv dekonstruiert werden. Indem die Teilnehmenden die Möglichkeit bekommen, bestimmte Techniken und Prozesse ‚unter sich‘ zu lernen und ohne kritische Blicke ‚der Anderen‘ auszuprobieren, können die Medienkompetenz wie auch das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten gestärkt werden (vgl. u.a. Ludwig, P. H./Ludwig, H. 2007). Kritischerweise muss hier jedoch angemerkt werden, dass diese Trennung von Gruppen geschlechtliche Stereotype immer erst reproduzieren muss, um die gewünschten Effekte zu erzielen. Hier sollten die Fachkräfte also stets darauf achten, die Unterschiede zwischen den Gruppen rhetorisch nicht künstlich zu verstärken. Aber auch in koedukativen, gemischtgeschlechtlichen Settings können Stereotype überwunden werden, indem sie gar nicht erst relevant gemacht werden. Geht es also beispielsweise um die Aufgabenverteilung im Medienprojekt, kann durch die Vermeidung geschlechterkodierter Bezeichnungen (wie beispielsweise ‚Kameramann‘ oder ‚Assistentin‘) eine offenere Atmosphäre für die Zusammenarbeit geschaffen werden. Auch eine zufällige Zuweisung von Aufgabengebieten beispielsweise durch Auslosen könnte hier eine Strategie sein, wobei dieser Schritt erst von der Gruppe bewilligt werden sollte.

Vor der Durchführung des Projekts sollte in jedem Fall eine umfassende Vorüberlegung in Bezug auf möglicherweise auftretende Situationen stattfinden, bei der alle bei der Durchführung beteiligten Fachkräfte mit einbezogen werden sollten und gemeinsam überlegt wird: Welche Schwierigkeiten in Bezug auf genderrelevante Themen könnten auftreten? Wie reagieren wir am besten darauf? Welche Gegenstrategien könnten funktionieren? Wenn also beispielsweise ein Filmprojekt in einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe geplant wird, sollte man sich bereits vorher Strategien zurechtgelegt haben, alle gleichermaßen an den verschiedenen Prozessen (Storyboard, technische Umsetzung, Schauspielerei, Schnitt, Musik, …) zu beteiligen.

Inhaltliche Projektebene

Die zweite Ebene der gendersensiblen Medienarbeit legt den Fokus auf den Inhalt der gemeinsam angefertigten Medienprodukte, also darauf, was konkret behandelt wird. Ziel der gendersensiblen Medienarbeit auf dieser Ebene ist es, die Teilnehmenden durch die aktive Behandlung geschlechtsbezogener Themen zur Selbstreflexion anzuregen und Rollenbilder aufzubrechen. Indem die Adressat*innen also dazu aufgefordert werden, sich mit dem Thema aus einer kritischen Perspektive auseinanderzusetzen, findet eine Sensibilisierung für geschlechtsbezogene Ungleichheiten statt. Die Themensetzung kann dabei vielfältig gestaltet sein: Wie werden Männer, Frauen oder nicht-binäre Personen in Filmen, Serien, Fernsehen etc. dargestellt? Fühlen die Teilnehmenden sich von diesen Darstellungen repräsentiert, oder fehlt etwas? Wer nutzt eigentlich welche Medien, und wieso? Wie stellen sich verschiedene Personen selbst auf Social Media Plattformen dar? Und wie könnte man die gefundenen Stereotype aufgreifen und gemeinsam neu deuten? Die Kompetenz, Medien(-inhalte) kritisch zu reflektieren, wird also um einen Fokus auf Geschlechtsdarstellungen erweitert, der in der Medienproduktion spielerisch aufgegriffen werden kann, um neue Perspektiven zu beleuchten.

Didaktisches Design

Auch in Bezug auf das didaktische Design gibt es einige bewährte Methoden, um die praktische Medienarbeit gendersensibel zu gestalten. So hilft es beispielsweise, gemeinsam nach Geschlechterstereotypen in Filmen, Zeitschriften oder Social Media Kanälen zu suchen und diese anschließend zu hinterfragen: Ist das wirklich so? Gibt es Gegenbeispiele? Welches Bild wird hier transportiert? Durch diese kritische Auseinandersetzung mit Stereotypen in Medieninhalten können die Teilnehmenden ihre eigenen Vorstellungen von Geschlecht und den vermeintlich zugehörigen Attributen und Verhaltensweisen reflektieren und ihren Erfahrungshorizont erweitern. Die somit aufgebrochenen Schemata können anschließend in einem gemeinsam gestalteten Medienprodukt verarbeitet werden, beispielsweise in einem Comic oder einem Video. Eine andere Strategie ist die der Perspektivenübernahme, also eine aktive Auseinandersetzung damit, was Andere erleben. Dies kann methodisch beispielsweise durch eine Umkehrung der (für diese Aufgabe binär verstandenen) Geschlechter erarbeitet werden: Indem bestimmte Medienprodukte wie Filme, Serien oder Fotos auf Social Media mit verdrehten Geschlechterverhältnissen nachgestellt werden, können Stereotypen aufgedeckt und anschließend gemeinsam kritisch reflektiert werden. Auch die aktive Auseinandersetzung mit Ungleichbehandlungen können in Medienprodukten thematisiert werden, beispielsweise indem Geschichten erzählt werden, in denen die Teilnehmenden für ihr Recht einstehen, geschlechteruntypische Aktionen zu verfolgen.

Fazit

Gendersensible Medienarbeit kann sich also zusammengefasst sowohl auf die behandelten Inhalte, als auch auf die explizit nicht-stereotype Durchführung von Medienprojekten beziehen. In beiden Fällen ist dabei jedoch eine besondere Haltung der Pädagog*innen gefragt: Welche Erwartungen, welche Annahmen habe ich selbst? Was reproduziere ich durch meine Aussagen oder Handlungen? Wen spreche ich wofür an, und wieso? Diese ständige Reflexion der eigenen verinnerlichten Geschlechterstereotype hilft dabei, unbewusst Rollenbilder zu verfestigen.

Abschließend gesagt soll dieser Artikel einen kurzen Überblick über das Arbeitsfeld der gendersensiblen Medienpädagogik geben – die hier aufgelisteten Möglichkeiten und Methoden sind dabei selbstverständlich nicht erschöpfend, sondern sollen vor allem als Anregung dienen. Der Kreativität in der Umsetzung gendersensibler Medienarbeit sind im Allgemeinen keine Grenzen gesetzt, solange sie sich nur auf darauf beziehen: Dass alle Menschen das gleiche Recht auf die Entfaltung ihrer Möglichkeiten und Fähigkeiten haben, und dass sie dabei in ihrem Lebensweg nicht von starren Annahmen über ihre eigene Befähigungen eingeengt werden sollten. Das ist die Grundlage gendersensibler Medienarbeit.

Literaturverzeichnis

Hüther, Jürgen & Schorb, Bernd (2005). Grundbegriffe Medienpädagogik. München: kopaed.

Ludwig, Peter H. & Ludwig, Heidrun (Hrsg.) (2007). Erwartungen in himmelblau und rosarot. Effekte, Determinanten und Konsequenzen von Geschlechterdifferenzen in der Schule (Juventa Materialien). Weinheim: Juventa Verlag.

Richards, Christina; Bouman, Walter Pierre; Seal, Leighton; Barker, Meg John; Nieder, Timo O. & T’Sjoen, Guy (2016). Non-binary or genderqueer genders. International review of psychiatry (Abingdon, England), 28(1), 95–102. https://doi.org/10.3109/09540261.2015.1106446.


https://www.medien-weiter-bildung.de/geschlechtergerechtes-arbeiten-warum-eigentlich/

Autor*in: Mina Mittertrainer